Was bleibt.

Ein tiefer Einschnitt im Leben. Eine Krankheit. Eine Krise. Was bleibt? Was trägt? achtsamkeit heute lässt Menschen von ihrem individuellen Weg zur Achtsamkeit erzählen. Der Mensch hinter diesen Zeilen ist uns bekannt, möchte aber lieber anonym bleiben.

Was Sie jetzt brauchen ist Achtsamkeit, sagt der Psychologe und Theologe zu mir. Er sieht so aus, wie ein Kind den „lieben Gott“ beschreiben würde, der auf einer Wolke sitzt: gütige Augen, graumelierte Haare, Bart, ernst lächelnd. Wir sitzen uns in seinem Beratungsraum gegenüber, in einem Zentrum für die Behandlung von Hautkrebs. Anscheinend schaue ich sehr fragend, denn er ergänzt, dass ein sehr guter Einstieg in das Thema „Achtsamkeit“ die Bücher von Thich Nhat Hanh seien – einem buddhistischen Mönch.

“ … Ich habe Angst. Angst, dass ich alles verliere … „

Er ist in der Zeit, die ich seinem Behandlungszimmer verbringe, ganz für mich da, ganz präsent. Aber dann piepst sein Pager. Er entschuldigt sich und erklärt, dass er hoch auf die Station muss, zu einem Patienten, bei dem eine große Gesichtsoperation ansteht. Ich weiß, dass hier Patienten sind, die durch den Krebs gezwungen sind, sehr eingreifende Operationen vornehmen zu lassen.

Ich gehöre zu den leichteren Fällen: Ein kleiner, aber bösartiger, Hauttumor auf dem Schulterblatt mit einer grenzwertigen Eindringtiefe in die Haut. Er ist raus. Nun stehen die Untersuchungsergebnisse meiner Lymphknoten aus. Ich habe Angst. Angst, dass sich der Krebs ausgebreitet hat. Dieser sogenannte schwarze Krebs mit relativ schlechten Heilungschancen. Angst, dass ich alles verliere, was mir wichtig ist. Meine Familie. Mein Sohn ist damals erst eineinhalb Jahre alt. Wir haben grade gebaut.

Die Angst lässt mich während dieses Klinikaufenthaltes nach Sicherheit suchen. Irgendetwas muss doch Bestand haben. Es muss einen fixen Punkt geben. Etwas Unvergängliches. Ich gehe oft raus in die Wiesen und Wälder, die an die Klinik grenzen, kehre gerne in einem ländlichen Gasthof ein, schaue in den Kamin, esse Schinkenteller, trinke Bier und Korn. Versuche mit meinen starken Gefühlen fertig zu werden.

„Es muss einen fixen Punkt geben.“

In einer Buchhandlung in der nahe gelegenen Stadt ist natürlich ein Buch von Thich Nhat Hanh vorrätig – er hat ja unzählige geschrieben. Heute habe ich vom Inhalt nur noch eine Metapher in Erinnerung: Hanh vergleicht den Menschen mit einer Welle auf dem Ozean. Sie entsteht, nimmt eine Form an, vergeht. Sie ist und bleibt aber ein Teil des Ozeans. Es macht keinen Sinn, dass die Welle an ihrer Form hängt, dem eleganten Schwung, den glitzernden kleinen Schaumkrönchen auf ihrem Kamm. Tröstlich, da ist die Sicherheit, die ich gesucht habe, das was bleibt: der Ozean, das Ganze. Diese Erkenntnis blieb aber irgendwie oberflächlich, sie tröstete mich nicht tief.

Am nächsten Tag sollte ich meine Untersuchungsergebnisse bekommen. Ich saß mit mehreren Mitpatienten in dem großen Speiseraum der Station. Wir wurden nacheinander in das Zimmer des diensthabenden Arzt gerufen. Ich hatte mich etwas mit einem Mitpatienten angefreundet, ein Mann der vielleicht fünf Jahre älter war als ich. Er war vor mir dran. Als er wieder kam, brachte er schlechte Nachrichten mit: der Krebs hatte sich weit ausgebreitet. Ich werde nie vergessen, wie er, nachdem er es kurz erzählt hat, den ausliegenden Speisewunschzettel zur Hand nahm und anfing für die kommende Woche in der Mittagessenauswahl seine Kreuzchen zu machen. Später habe ich erfahren, dass bei ihm eine massive Gesichtsoperation notwendig geworden war.

„Immer wieder die Frage danach, was wahr ist, was bleibt.“

Meine Lymphknoten waren in Ordnung. Aus der Klinik entlassen, nahm ich mein gewohntes Leben wieder auf. Unterbrochen von den regelmäßigen Nachuntersuchungen. Immer wieder die Angst, dass dieser Tumor doch in meine Organe gestreut hat. Immer wieder die Frage danach, was wahr ist, was bleibt. Ich fing an, mich mit dem Thema Spiritualität zu beschäftigen. Advaita-Lehrer begannen mich zu interessieren. Sehr tiefe Einsichten vermittelte mir das Buch „Die Reise ins Nichts“ von Pyar Troll. Es gab sogar einen Moment, eines Nachmittags nach einem kurzen Schlaf auf unserem Ostfriesensofa, in dem ich plötzlich tief spürte, ja, ich bin der Ozean.

Ich überschritt die Vierzig. Der Job nahm immer mehr Raum in meinem Leben ein. Immer zwischen Hoffen und Bangen. Der Freude etwas erreicht zu haben, folgte die Angst, es wieder zu verlieren. Dann endlich der Traumjob. Ich hatte wohl meinen Platz gefunden. Aber es deuteten sich schon bald erste Schwierigkeiten an.

„Ich bin.“

In den „Vierzigern“ las ich viel von Eckhart Tolle. In einer klaren Sprache und fast ohne auf religiös gefärbte Begriffe zurückzugreifen, legt er seine Philosophie dar. Ich erkannte überdeutlich: Ich bin nicht meine Gedanken. Ich bin nicht meine Gefühle. Ich bin das Gewahrsein, die Stille, der Raum in dem Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Ich bin das was bleibt. Ich bin.

Ich suchte die Stille in der Meditation. Aber wo ich auch nach dieser Stille suchte: Der Lärm störte. Der Nachbar fing an den Rasen zu mähen. Im Kopf lärmten Gedanken. Im Körper rumorten Gefühle: Angst, Traurigkeit und Wut. Mein Bauch machte sich unangenehm bemerkbar, die Brust war eng. Schlafstörungen stellten sich ein.

Dann kam ein Absturz im Job: die Rahmenbedingungen änderten sich schlagartig, neue Personen hatte das Sagen, keine Wertschätzung mehr, es machte keine Freude mehr. Ich glitt in eine tiefe Krise. Wieder hatte ich grade ein Haus gebaut, in einem anderen Teil Deutschlands.

Ich begann eine Therapie – eine kognitive Verhaltenstherapie. Recherchierte viel und erkannte, dass die kognitive Verhaltenstherapie und die Philosophie von Eckhart Tolle einiges gemeinsam hatten. Auch diese Therapierichtung ging davon aus, dass Gefühle, Gedanken, Verhalten und Physiologie zusammenhingen. Man kann an jedem dieser Punkte ansetzen. Zum Beispiel sich immer wiederkehrender Gedanken bewusst werden. Wer ist das aber, der sich seiner Gedanken bewusst wird? Der sich seines Ichs bewusst wird, diesem Konglomerat aus Gedanken, Erinnerungen, Gefühlen und Reaktionsmustern. Und da setzten wiederum die Antworten von Eckhart Tolle ein.

“ … Gefühle liebevoll annehmen, so wie man einen Säugling liebevoll auf den Arm nehmen würde.“

Ich saß in dieser Zeit viel an meinem Laptop, recherchierte und stieß auf eine Psychologin und Neurowissenschaftlerin. Ich bestellte mir eine DVD-Box von ihr. Eines Morges wachte ich wieder viel zu früh auf. Mit großer innerer Unruhe, dem Schmerz im Bauch und dem Druck im Brustkorb. Ich hörte mir eine geführte Meditation von ihr an: „Achtsames und liebevolles Sein mit Gefühlen.“ Ich setzte mich bequem hin, neben dem Frühstückstisch, folgte ihren Weisungen. Sie wusste anscheinend aus Erfahrung, wo Gefühle häufig festsitzen: in Brustkorb und Bauch. Ich fühlte mich verstanden. Und dann das Entscheidende: Man solle diese Empfindungen bewusst spüren – ohne zu bewerten. Diese Gefühle liebevoll annehmen, so wie man einen Säugling liebevoll auf den Arm nehmen würde. Im Verlauf der Meditation spürte ich, wie in Bauch und Brust wieder etwas ins Fließen geriet, mich etwas Warmes durchströmte.

„Ich wollte an diesen lästigen Gefühlen und Gedanken vorbeikommen, in ein Reich des Friedens und der Ruhe.“

Ich meldete mich für einen MBSR-Kurs bei der Psychologin an. MBSR steht für Mindfulness Based Stress Reduction, eine Methode, die unter anderem Yoga und Meditation umfasst und von dem Amerikaner Jon Kabat Zinn entwickelt wurde. Als ich im Kreis der Teilnehmer von meinem Erlebnis mit ihrer geführten Meditation erzählte und von meinen vorherigen Versuchen, mithilfe von „geistigen Einsichten“ zu innerer Ruhe und Frieden zu kommen, lachte sie. Dies sei ein bekanntes Phänomen, das hätten sie im Institut von Jon Kabat Zinn gerne das „Spiritual bypassing“ genannt.

Ich musste mitlachen. Ja, genau das hatte ich Jahrzehnte lang versucht: Ich wollte an diesen lästigen Gefühlen und Gedanken vorbeikommen, in ein Reich des Friedens und der Ruhe. In der Meditation sollten sich diese Störenfriede setzen, wie sich Dreck in einem Glas mit verunreinigtem Wasser auf dem Boden absetzt, und das Wasser dann wieder rein und klar wird. Aber so einfach war das nicht: einfach nur still sitzen und warten. Es gehörte eine aktive, liebevolle Hinwendung dazu, zu den Gefühlen, vor allem zu den unangenehmen Gefühlen, zum Körper, in dem sich die Gefühle zeigen.

“ … frei und leer werden für die Fülle um mich herum.“

Nein, ich bin noch nicht angekommen. Es ist ein fortwährendes Bemühen, um Achtsamkeit mitten im Leben, in Familie, Beruf, mitten im Chaos wieder zu Sinnen zu kommen, Gefühle und Gedanken wahrnehmen und auch wieder loslassen zu können, um Platz für andere Gefühle machen zu können. Und wieder frei und leer zu werden für die Fülle um mich herum. Und wieder Kontakt zur inneren Stille zu bekommen. Und ich habe begriffen: Was ich brauche, ist Achtsamkeit.

 

 

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