Aus der Stille heraus.

Präsent sein. In einer Tätigkeit völlig aufgehen. Dies ist für viele Menschen Glück. Viele Künstler wissen und leben dies. Oft scheint eine Grundhaltung der Achtsamkeit durch ihr Schaffen hindurch. ah! stellt Ihnen in der Rubrik KULTUR Künstler und ihre Werke vor.

 

 

alter Teich

Frosch springt hinein

Wassergeräusch

 

 

Hier passiert ja wirklich praktisch nichts! Ein Frosch springt irgendwo ins Wasser. Na und! Welchen Hund kann man denn heute noch mit so einem Text hinter dem Ofen hervorlocken?

Dieses japanische Kurzgedicht (1), ein Haiku, ist offensichtlich eine Botschaft aus einer anderen Zeit und einer anderen Kultur. Wie laut kommen dagegen die meisten unserer heutigen Medien daher, die um unsere Aufmerksamkeit buhlen.

Diese drei Verse schweigen mehr, als sie sprechen. Das Weiß zwischen den Worten und Zeilen ist fast wichtiger als das Schwarz der Buchstaben. Der Grundton der Stille und Einfachheit im Text entsteht durch die wenigen Worte. Es gibt nur eine Farbe: grün. Ein alter Teich, umgeben von grünen Kiefern, auf den Steinen am Ufer grünes Moss. Die Pflanzen spiegeln sich im Teich. Auch der Frosch: grün. Der Akt des Springens ist lautlos. Die Ruhe wird nur durch dieses typische leise „Plop“ unterbrochen, das entsteht, wenn der Körper des Frosches die Wasseroberfläche durchdringt. Dieses sehr feine Geräusch kann man nur vor dem Hintergrund einer großen Stille hören. Vielleicht habe ich als Beobachter den Sprung gar nicht bemerkt, sondern folgere nur aus dem typischen Geräusch, dass dieses Tier grade ins Wasser gesprungen ist. Eventuell entdecke ich durch das Geräusch auch erst den alten Teich, der vielleicht sehr zugewachsen ist. Das Haiku gibt so gesehen nur einen einzigen Augenblick wieder: Das Aufhorchen bei dem Geräusch.

Der Autor des Gedichtes erklärt nicht etwas, er lässt die Dinge selber sprechen. Das Weglassen, das Zeigen, ohne viel zu sagen, tritt hier als wahre Kunst hervor. Die Zeit ist Präsens. Man ahnt als Leser: der Autor ist nicht nur in äußerer und innerer Stille, er ist ganz präsent, nimmt wahr, ist Gewahrsein. Er ist wie ein klarer Spiegel für das Wahrgenommene, er bewertet es nicht – wie die Wasseroberfläche eines ruhenden Teiches.

Sie ahnen natürlich schon, worauf ich hinaus will. Sie lesen ja grade ein Online-Magazin zur Achtsamkeit: ja, da ist für mich eine große Ähnlichkeit zur Grundhaltung der Achtsamkeit zu sehen. Achtsamkeit bietet uns die Möglichkeit präsent zu sein, wieder zu unseren Sinnen zu kommen oder anders gesagt zur Besinnung zu kommen, wie es Jon Kabat Zinn es ausdrückt. Ohne zu bewerten, zu erklären. Die Wahrnehmung auch für kleine Dinge wird geschärft. Das Haiku könnte man jetzt natürlich interpretieren: Wofür steht der alte Teich? Welche Bedeutung hat dieses besondere Tier, der Frosch? Und so weiter. Man kann aber auch das Unaussprechliche unausgesprochen stehen lassen.

Der Verfasser dieses wohl berühmtesten aller Haikus ist ein „klassischer Autor“ Japans, lebte im 17. Jahrhundert und sein Künstlername war Basho, das japanische Wort für Banane – er wohnte nämlich einen großen Teil seines Lebens in Hütten aus Bananenstauden, pflegte eine einfache, meditative Lebensweise, praktizierte Zen. Es ist also wohl kein Zufall, dass er keine an Action reichen Dramen oder Heldengeschichten geschrieben hat.

Ich bin kein Literaturwissenschaftler, ich bin Journalistin und Autorin. Aber ich möchte einfach meine Freude mit Ihnen teilen, dass so viele Schriftsteller und Dichter die Welt aus einer Stille heraus zeigen. Aus der Stille nehme ich die Welt anders wahr, wird die Welt wahr.

So möchte ich mit einem Zitat aus den sogenannten Zürauer Aphorismen von Franz Kafka schließen: „Es ist nicht notwendig, dass du aus dem Haus gehst. Bleib bei deinem Tisch und horche. Horche nicht einmal, warte nur. Warte nicht einmal, sei völlig still und allein. Anbieten wird sich dir die Welt zur Entlarvung, sie kann nicht anders, verzückt wird sie sich vor dir winden.“ (2)

(mg)

Literatur: 

  1. Basho (eigentlich: Matsuo Munefusa). 1644-94. Haiku. Eigene Übersetzungsvariante
  2. Franz Kafka. Die Zürauer Aphorismen. Nr. 109. wikisource.

 

 

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