Google, SAP und Co: mit Achtsamkeit zu mehr Wohlbefinden und Erfolg?

Achtsamkeitsmeditation stärkt die Aufmerksamkeitsregulation, verbessert die Emotionsregulation und bewirkt Veränderungen im Selbsterleben – kein Wunder also, dass auch in der Arbeitswelt achtsamkeitsbasierte Methoden und Maßnahmen zunehmend eingesetzt werden. Vorreiter sind da besonders die großen Unternehmen. 

Eine „App“ für den Kopf

Bei Google können Mitarbeiter ein Zeitkontingent für ein Projekt nutzen, das nichts mit ihrem sonstigen Job zu tun hat. Chade-Meng Tan, zu der Zeit ein Ingenieur bei dem Weltkonzern, hat diese Zeit besonders gut genutzt : Er hat ein Schulungskonzept entwickelt, sozusagen eine „App“ für emotionale Intelligenz. Die Hauptmethode ist die Geistesschulung durch Achtsamkeit. Als Angestellter eines Unternehmens, dessen Geschäft die Suche im Internet ist, nannte er das Programm sinnigerweise „Search Inside Yourself“, also „Suche in deinem Inneren“. Er nutzte den Sachverstand von Experten, wie Zen-Lehrern, Meditationslehrern, Neurowissenschaftlern und auch die Expertise des Entwicklers der Mindfulness-Based-Stress-Reduction, Jon Kabat-Zinn. Er pickte aus allen Methoden für ein Leben voller Glück und Wohlbefinden die Rosinen heraus. Sein erklärtes Ziel: mithilfe der Verbreitung von Meditation und Mitgefühl den Weltfrieden schaffen. Das Programm ist eine Art Inhouse-Fortbildung für Mitarbeiter.

Er hat das Programm in Buchform veröffentlicht. Bei der Beschreibung seines  ausgeklügelten Lernprogramms verbindet er einen ganz speziellen Humor mit einem absolut nüchternen Pragmatismus als Ingenieur und seiner sehr ernsthaften Vision von einer besseren Welt. Das Schulungsprogramm ist extrem erfolgreich. Es wird inzwischen nicht nur bei Google sondern auch extern angeboten. Chade-Meng Tan selber ist inzwischen von seinem geliebten Google-Unternehmen weggegangen um sich ganz der eigenen Meditationspraxis und wohltätigen Projekten widmen zu können.

„Director of Mindfulness“

Ja, es gibt ihn wirklich: den „Director of Mindfulness Programms“, und zwar bei SAP, einem international agierenden Softwareriesen. Er heißt Peter Bostelmann, stammt aus Deutschland, ist auch Führungskräfte-Coach und Achtsamkeitslehrer. Er hat das SAP-Global Mindfulness Practice Program entwickelt, um einen Wandel der Unternehmenskultur zu unterstützen. SAP erhofft sich eine höhere Kreativität in der Mitarbeiterschaft, bessere Fokussierung, höhere Resilienz, besseren Führungsstil und mehr Wohlbefinden – und das auf allen Hierarchieebenen des großen Konzerns – das Unternehmen mit Sitz in Deutschland beschäftigt weltweit über 70.000 Menschen.

Meditation ist schon seit über zehn Jahren Teil seines persönlichen Lebens, aber nicht seines beruflichen. Von Haus aus Wirtschaftsingenieur entdeckte er 2012 das Programm „Search inside yourself“. Peter Bostelmann war beeindruckt, wie so tiefgründige Inhalte auf kluge Weise so leicht daherkommen und erkannte das Potenzial für SAP. Das Unternehmen sieht inzwischen in der Achtsamkeit einen wichtigen Baustein für die Gesundheit der Mitarbeiter und der Organisation. Es  beobachtet eine Steigerung von Zufriedenheit, Motivation und Engagement und eine Verringerung von Fehlzeiten und hat das mentale Training fest im Lernangebot von SAP verankert.

Nach Angaben von SAP, begann das Unternehmen mit Pilotkursen im Jahr 2013. Erst in den USA, dann in Deutschland, für Mitarbeiter und für Führungskräfte. Das Feedback der Teilnehmer war sehr gut. So haben mehr als 1.700 Mitarbeiter an über 20 Standorten weltweit bereits teilgenommen. Für dieses Jahr sind 70 weitere Kurse geplant. Über 4.500 Interessierte stehen schon auf der Warteliste. Es haben sich über Nord- und Südamerika, Europa und Asien verstreut über 15 lokale sogenannte Mindfulness Communities gebildet (Stand April 2016).

Systemstabilisierend? 

Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen nun alle achtsamkeitsbasierten Maßnahmen, Coachings usw. für Unternehmen aufzuzählen, auch wenn man sich auf Deutschland beschränkte. Hier wird ah! in Zukunft noch viel berichten.

Die Verwendung der Achtsamkeitspraxis in Unternehmen ist nicht unumstritten. So sieht der deutsche Meditationsforscher Stefan Schmidt eine Funktionalisierung von Achtsamkeit durchaus kritisch. Sie könne eine systemstabilisierende Wirkung haben. Er verweist ausdrücklich auf die Wurzeln im Buddhismus, der seit jeher in seiner Praxis das revolutionäre Veränderungspotenzial gesehen hat. (1)

(mg)

Literatur: 

  1. Hölzel B, Brähler C. (Hrsg.) 2015. Achtsamkeit mitten im Leben: Anwendungsgebiete und wissenschaftliche Perspektiven. O.W. Barth

 

 

 

 

 

 

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