„Achtsamkeit“ – was ist wirklich hierunter zu verstehen?

Achtsames Kochen, Gärtnern, Wohnung einrichten … Trendforscher sehen in der Achtsamkeit, engl. Mindfulness, einen Jahrhunderttrend, wenn nicht sogar den Jahrtausendtrend. Das Wort „Achtsamkeit“ wird inflationär gebraucht. Dies bedeutet zwangsläufig, dass immer mehr Menschen verschiedene Dinge darunter verstehen: von einer Bewusstseinstechnik zur Effizienzsteigerung bei der Arbeit bis zu einer Art des Lebensgenusses. Was muss man wirklich unter dem Begriff verstehen? Wo kommt er her? Wie entwickelt er sich?

Der westliche „Vater“ der Achtsamkeit

Der amerikanische Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn hat die sogenannte „Mindfulness-Based Stress Reduction“ entwickelt und hat das „Center for Mindfulness in Medicine, Health Care and Society“ gegründet. Zur ersten Orientierung kann daher sehr gut seine oft zitierte Definition dienen:

„Mindfulness means paying attention in a particular way: on purpose, in the present moment and nonjudgementally.“ (1)

Achtsamkeit bedeutet, auf eine besondere Art und Weise aufmerksam zu sein: absichtlich, im gegenwärtigen Moment und nicht wertend. (eigene Übersetzung)

Buddhistische Wurzeln

Sehr sorgfältig geht Stefan Schmidt dem Begriff der Achtsamkeit nach (1). Dies sei hier kurz zusammengefasst: Achtsamkeit ist laut dem deutschen Forscher eines der zentralen Konzepte des Buddhismus. Im Palikanon des Theravada Buddhismus finden sich die ältesten Hinweise auf die Achtsamkeit (in der Schriftsprache Pali: sati). Zwei Lehrreden des Buddha sind hier von besonderer Bedeutung:

  • Vier Grundlagen der Achtsamkeit (Satipatthana Sutta)
  • Achtsamkeit auf den Atem (Anapanasati Sutta)

Schmidt führt Interpretationen von drei Buddhismus-Experten an:

  • Der Geist ist laut dem Mönch und Gelehrten Analayo im Zustand von sati in Bezug auf den gegenwärtigen Augenblick hellwach. Er betont die Weite des Bewusstseinszustandes im Gegensatz zu einem eng begrenzten Fokus.
  • Der buddhistische Autor Nyanaponika beschreibt sati als reines Beobachten.
  • Die amerikanische Meditationslehrerin Sharon Salzberg beschreibt Achtsamkeit so: Achtsamkeit ist eine Qualität in der Beziehung zu einem wahrgenommenen Objekt. Einfach etwas wahrzunehmen, z.B. ein Geräusch zu hören, heißt nicht unbedingt, achtsam zu sein. Aber ein Geräusch zu hören, ohne dabei mit Verlangen, Ablehnung oder Selbsttäuschung zu reagieren, das ist Achtsamkeit.

Der deutsche Achtsamkeitsbegriff bezieht sich für Schmidt auf zwei unterschiedliche Aspekte: 1. Achtsamkeit als spezifischer Geistesfaktor, den man mit „reines Beobachten“ oder „Vergegenwärtigung“ übersetzen kann. 2. Praxis der Achtsamkeit, die noch andere Geistesfaktoren einschließt: wachsame Selbstbeobachtung und kümmernde Fürsorge. Die zentralste Eigenschaft von sati ist laut Schmidt der Erfahrungsbezug: Achtsamkeit beschreibt immer eine gelebte Erfahrung und kein abstraktes Konzept. So weisen die oben erwähnten Lehrreden nur Übungsanweisungen, kaum konzeptionelle Bezüge auf. (2)

Neue Bewusstseinskultur

Der Begriff Achtsamkeit hat auf seinem mehr als 2500 Jahre dauernden Weg Eingang in immer mehr gesellschaftliche Bereiche gefunden. Eine der bemerkenswertesten Entwicklungen ist die britische Achtsamkeitsinitiative. Sie hat ihre Wurzeln im englischen Parlament und engagiert sich für die Anwendung der Achtsamkeit in den verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen: Gesundheit, Bildung, Arbeitswelt und in der Strafjustiz. Sie definieren Achtsamkeit so:

„Mindfulness is best considered an inherent human capacity akin to language acquisition; a capacity that enables people to focus on what they experience in the moment, inside themselves as well as in their environment, with an attitude of openness, curiosity and care.“ (3)

Achtsamkeit wird am besten als eine dem Menschen angeborene Fähigkeit betrachtet, ähnlich dem Spracherwerb; eine Fähigkeit, die Personen befähigt, auf das was sie im Moment erfahren, zu fokussieren, in ihnen selber und in ihrem Umfeld, mit einer Haltung der Offenheit, Neugier und Fürsorge. (eigene Übersetzung)

Ein Beitrag von Frank Aschoff

Quellen:

  1. Jon Kabat-Zinn. 2009. Whereever you go, there you are. Adobe Digital Edition
  2. Stefan Schmidt. Der Weg der Achtsamkeit. Vom historischen Buddhismus zur modernen Bewusstseinskultur. In Britta Hölzel, Christine Brähler. 2015. Achtsamkeit mitten im Leben. O.W. Barth eBook-Ausgabe 2015
  3. The Mindfulness Initiative. http://www.themindfulnessinitiative.org.uk/about-mindfulness/what-is-it; eingesehen am 19.7.2017

Bildquelle: Rawpixel.com – Fotolia.com

 

 

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