Achtsamkeitsmeditation reguliert Empathie für sozialen Schmerz.

Eine aktuelle in einem englischsprachigen Journal veröffentlichte Studie thematisiert den sog. „Social Pain“. Der Begiff „Sozialer Schmerz“ hat sich im deutschen Sprachraum noch nicht durchgesetzt – in der Studie werden hierunter u.a. Gefühle von Zurückweisung und Beschämung verstanden. Interessant ist, dass dieser „Soziale Schmerz“ einige der Hirnstrukturen aktiviert, die auch bei körperlichem Schmerz beteiligt sind. Dieselben Strukturen werden auch aktiviert, wenn wir nur Zeuge z.B. der Verlegenheit einer anderen Person werden. Wenn wir uns aufgrund dieser Verlegenheit der anderen Person selber gestresst fühlen, kann uns das dazu bringen, dass wir uns eher auf die Reduktion unseres eigenen Stresses konzentrieren, anstatt mitfühlend auf den anderen zu reagieren. So kann man also sagen: starker „empathischer Disstress“ setzt paradoxerweise unsere Fähigkeit herab, mitfühlend in Beziehung zu gehen.

Kann Achtsamkeit das Ausmaß des „empathischen Disstress“ reduzieren, der durch den sozialen Schmerz einer anderen Person ausgelöst wird, und dadurch vermehrtes Mitgefühl ermöglichen? Laneri et al (1) untersuchten wie Achtsamkeitsmeditation und langfristige Meditationspraxis Gehirnfunktionen beeinflusst, die mit „empathischem Disstress“ verbunden sind.

An der Studie teilgenommen haben 32 erfahrene Meditierende:

  • – Durchschnittsalter 51 Jahre
  • – 63 Prozent männlich
  • – durchschnittliche Meditationserfahrung: 17 Jahre
  • – Meditationspraxis: Zen, Vipassana, Achtsamkeitsmeditation

Als Kontrollgruppe dienten 19 Teilnehmer ohne Erfahrung mit Meditation. Alle Teilnehmer wurden einer funktionellen Magnetresonanztomografie (MRT) unterzogen, während sie eine Aufgabe bekamen, die „empathischen Disstress“ anlässlich der  Verlegenheit einer anderen Person hervorrufen soll.

Die erfahrenen Meditierenden wurden randomisiert, also zufällig, wiederum in zwei Gruppen geteilt: der einen Gruppe wurde aufgetragen, eine achtminütige Achtsamkeitsmeditation vor der oben genannten Aufgabe durchzuführen; die andere Gruppe wurde angewiesen, nur Pause vor der Aufgabe zu machen. Auch die Meditationsunerfahrenen wurden angewiesen, nur Pause vor der Aufgabe zu machen.

Die Aufgabe bestand darin, einige beschämende und einige neutrale Situationen zu beobachten. Diese wurden auf einem Computerbildschirm in Form von Zeichnungen mit kurzen Beschreibungen dargestellt. Beispiel: Eine der beschämenden Situationen enthielt die Beschreibung: „Sie sind in einer Poststelle. Sie sehen, dass einer Frau die Hose reißt, während sie ein Paket anhebt.“ Die Teilnehmer wurden aufgefordert, sich die Situation lebhaft vorzustellen, während sie der funktionellen MRT-Aufnahme unterzogen wurden. Weiterhin sollten sie angeben, wie stark ihrer Meinung nach die Beschämung der Person in der dargestellten Situation ist. Nach den Aufnahmen füllten die Teilnehmer Fragebögen aus in denen sie subjektiv über ihre emotionalen Reaktionen und ihren Grad an Mitgefühl berichteten.

Die Teilnehmer in allen Gruppen berichteten über ein bedeutend höheres Ausmaß von „stellvertretender Beschämung“ bei den beschämenden Zeichnungen als bei den neutralen Zeichnungen. Die erfahrenen Meditierenden berichteten über bedeutsam höhere Level an Mitgefühl als die Kontrollgruppe. Auch wurde eine bedeutend höhere Aktivierung in mehreren Hirnregionen bei den beschämenden Situationszeichnungen festgestellt, inklusive der Regionen die bei der Empfindung von Schmerz beteiligt sind (u.a. Insula anterior).

Die erfahrenen Meditierenden, die vor dem Anschauen der Situationszeichnungen meditiert haben, zeigten bedeutend weniger Aktivität der anterioren Insula als es die erfahrenen Meditierenden zeigten, die vor dem Anschauen einfach nur Pause machten sollten. Bei den erfahrenen Meditierenden war folgendes zu sehen: umso geringer die Insulaaktivität war, desto größer die Selbsteinschätzung des Mitgefühls. Außerdem war bei den erfahrenen Meditierenden, die vor dem Anschauen der Zeichnungen meditiert hatten, noch folgendes festzustellen: je länger sie täglich meditierten, umso weniger Insula-Aktivität war beim Anschauen der Bilder festzustellen.

Zusammengefasst gibt die Studie also Hinweise darauf, dass Meditation Menschen helfen kann, die Aktivität der Insula zu regulieren und so mehr Mitgefühl empfinden zu können.

  1. Laneri, D., Krach, S., Paulus, F. M.,…Müller-Pinzler, L. (2017). Mindfulness meditation regulates anterior insula activity during empathy for social pain. Human Brain Mapping.

Ein Beitrag von Frank Aschoff

Bildquelle: crevis – Fotolia.com

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