Bewusst-Sein in der Wissenschaft.

Achtsamkeitsmeditation ist das nicht wertende Wahrnehmen der Dinge, so wie sie sind, im Hier und Jetzt. In der Psychotherapie gut etabliert, aktuell auch von Unternehmen für sich entdeckt – die neue Bewusstseinskultur entwickelt sich zum gesellschaftlichen Megatrend. Die Neurowissenschaftlerin und Achtsamkeitstrainerin Dr. Britta Hölzel ist daher von den Medien aktuell sehr gefragt. Sie selbst bewegt sich in zwei scheinbar getrennten Welten: dem harten, stressigen Wissenschaftsbetrieb und dem stillen Sitzen in Meditation. ah! traf sie in ihrem Institut, ihrem Seminarraum und für eine kleine Fotosession in der Münchner U-Bahn.

Mit Rucksack, einem Coffee to go und einer Brötchentüte kommt sie mir auf dem Gehsteig entgegen. Dass wir uns vor unserem Gesprächstermin schon auf der Einsteinstraße vor ihrem Institut treffen, ist Zufall. In einer Bäckerei hatte sie sich noch rasch ein kleines Frühstück besorgt. Sie erzählt, dass ihre Nacht heute Morgen schon um halb sechs zu Ende gewesen ist, denn ihre zweijährige Tochter ist früh wachgeworden.

Sie ist an diesem milden Maimorgen zum ersten Mal in diesem Jahr mit dem Rad zur Arbeit gefahren und schwärmt von dem Weg entlang der Isar, der Frühlingsluft, der Bewegung. Man fragt sich, wie Britta Hölzel das macht, direkt diese Warmherzigkeit zu vermitteln. Ist es das offene Lachen? Die auffallend großen, wachen Augen? Eine Ausstrahlung als Ergebnis einer langen eigenen Meditationspraxis?

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Foto: achtsamkeit-heute.de

Ihr Arbeitsplatz, das Neuro Imaging Center der Technischen Universität München, befindet sich im fünften Stock eines Bürogebäudes. Wir nehmen den Fahrstuhl. Hinter einer Glastür öffnet sich ein langer Flur: weiße Wände, keine Bilder an der Wand, auch sonst keine Dekoration. Rechts und links gehen graue Türen ab. Hier teilt sich die promovierte Psychologin ein Büro mit anderen Kollegen.

Auch jemand wie sie, mit einer langen Publikationsliste und einem internationalen Ruf als Meditationsforscherin, gehört zum wissenschaftlichen Mittelbau. Ein eigenes Büro ist hier eher selten – da hilft auch ihre große Medienpräsenz nicht. Zeitschriften wie Spiegel, Stern, Brigitte, aber auch Fernsehen und Radio greifen das Trendthema Achtsamkeit auf. Die Mittdreißigerin ist eine begehrte Gesprächspartnerin, sie kann komplexe Zusammenhänge einfach und lebensnah erklären.

Nach ihrem Abitur hat Britta Hölzel einen Yoga-Ashram in Indien besucht. Die Erfahrungen haben ihr Weltbild auf den Kopf gestellt und ihr Interesse am menschlichen Bewusstsein geweckt. Ihrem Psychologie-Studium folgten fünf Jahre Forschungstätigkeit an der Harvard Medical School in Boston und ein Jahr an der Charité in Berlin. Die ausgebildete Yogalehrerin hat außerdem noch die Methode Mindfulness Based Stress Reduction erlernt, direkt beim Entwickler in den USA, Jon Kabat-Zinn. Wichtige Elemente dieses Programmes sind Achtsamkeitsmeditation und Yoga.

In enger internationaler Zusammenarbeit – auch noch mit Kollegen aus Boston – untersucht sie die neuronalen Mechanismen der Achtsamkeitsmeditation mithilfe der Magnetresonanztomografie. Die Ergebnisse sind revolutionär: Die Meditation bewirkt strukturelle und funktionelle Anpassungen im Gehirn. Die Meditierenden können nachweislich Aufmerksamkeit und Emotionen besser regulieren. Sie erleben sich selbst anders, treten anders mit sich in Beziehung.

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Foto: achtsamkeit-heute.de

Wir setzen uns in die Teeküche des Instituts. Britta Hölzel stellt ihren Kaffee auf den Küchentisch, klappt direkt ihren Laptop auf und legt Handy und Schlüsselbund daneben. Als sie ihr belegtes Brötchen auspackt, schaut sie mich kurz etwas schuldbewusst an, fragt „Darf ich?“ und beißt erst mal herzhaft ab. „Alte Angewohnheit“, sagt sie lächelnd – natürlich kennt sie Achtsamkeitsübungen wie das bewusste Essen nur einer Rosine, mit allen Sinnen wahrnehmend, mit möglichst großer Präsenz.

Kennt sie Multitasking von sich selbst?

„Klar, das Checken von E-Mails und Kurznachrichten während einer anderen Arbeit lasse ich manchmal bewusst zu.“

Sie veröffentlicht Studien, Bücher, Lehrfilme, gibt Seminare, hält Achtsamkeitstrainings ab, bildet Achtsamkeitstrainer in Organisationen aus und hält Vorträge, erst wenige Tage zuvor bei Google auf der Konferenz Mind@Berlin. Sie genießt die „Aufbruchsstimmung“ – manchmal spürt sie aber auch den Impuls, „gar nichts mehr zu machen“. In solchen Momenten hilft es ihr, sich bewusst zu machen, dass sie an Erfolgserlebnissen nicht anhaften möchte, „es kein Haben ist“ und wünscht sich, dass sie „nicht zu viel Ich“ reinbringt.

 „Auch in der Wissenschaft ist es entscheidend, sich über die eigenen Erwartungen Rechenschaft abzulegen.

Bis vor zwei bis drei Jahren hat ihr der Stress im Wissenschaftsbetrieb nichts ausgemacht. Jetzt hat sie Familie, Anträge sind in Deutschland nicht bewilligt worden. Sie möchte aber nicht schon wieder an den nächsten Ort ziehen müssen. Sie wirkt sehr nachdenklich, wenn sie von dieser aktuellen Situation erzählt.

Warum hat sie vorhin so gestrahlt, als sie von der Zeit in Boston erzählt hat?

„Man lernt dort unglaublich tolle, intelligente, inspirierende Menschen kennen, die wirklich brennen für das was sie tun.“ Ihre Kollegen und sie forschten dort nicht nur über Achtsamkeit, sondern arbeiteten auch daran, bewusster mit Forschungsbefunden und auch achtsamer miteinander umzugehen. Sie meditierten regelmäßig zu Beginn von Arbeitstreffen – trotz stressiger Rahmenbedingungen. „Sie haben dort ein hohes Arbeitstempo, oft keine Zeit für Pausen, gegessen wird meist in den Meetings“, sagt sie und schaut kurz schmunzelnd auf ihr Brötchen – sie hat noch keinen weiteren Biss getan.

Sie zögert kurz.

Dann berichtet sie, dass in den Neurowissenschaften der Druck international sehr hoch ist, Studien mit bedeutsamen Ergebnissen zu veröffentlichen. „Für den nächsten Projektantrag muss man schon auf den tollen Studienbericht hinweisen können, der mindestens grade zur Veröffentlichung akzeptiert ist. Nur so kann die nächste Finanzierung gesichert werden. Der Systemfehler ist, dass in den guten Journals leider nur Artikel angenommen werden, in denen die Ergebnisse die eingangs formulierte Annahme bestätigen. Eine gängige Praxis ist, dass man solange statistisch an den Daten rechnet, bis das Richtige rauskommt – und das schafft man in den Neurowissenschaften auch.“

Wie begegnet sie dieser Gefahr?

„Die Achtsamkeitspraxis hilft dabei, sich den Druck und die eigenen Denkprozesse bewusst zu machen, ehrlich zu sich selber zu sein, sich über eigene Erwartungen Rechenschaft abzulegen: Steckt dieser Befund wirklich in den Daten? Möchte ich das veröffentlichen? Es gibt aber auch schon Journals, die dieses Problem erkannt haben. “

Ihre ehemalige Chefin in Boston ist eine bekannte Meditationsforscherin: Sara Lazar. Sie schildert sie in liebevollem Tonfall als manchmal etwas chaotisch und hektisch. „Wir sind öfter mal ganz gut aneinander geraten. Aber ich konnte dann auch zu ihr hingehen und sie ansprechen: ‚Komm, lass uns drüber reden.‘ Sara konnte ehrlich sagen: ‚Tut mir leid, wo war mein Beitrag?‘“

Die Zusammenarbeit dort war von dem ernsthaften Wunsch geprägt, sich weiterzuentwickeln, an den Konflikten im Team zu wachsen – und die waren durchaus da: „Wir haben in den Jahren dort oft zu dritt in einem kleinen Raum zusammengearbeitet, da bleiben Konflikte nicht aus. Da wurde schon mal laut und auch unfair geschimpft, Stress ausgedrückt. Ja, ich bin nicht der Mensch, der nicht auch mal an die Decke geht“.

Wie sieht das aus, wenn sie richtig wütend wird?

Sie lacht laut auf und sagt: „Ach, das willst du nicht wissen!“

Spannend! Da sitzen Achtsamkeitsforscher und Psychologen zusammen und senden nicht nur Ich-Botschaften oder kommunizieren gewaltfrei, sondern schimpfen auch mal laut.

Ist das denn kein Widerspruch zur Achtsamkeit?

„Nein. Das wäre fatal, wenn man sich vornimmt, immer nur noch die Ruhe in Person zu sein! Die Frage ist: Wie gut pendelt man sich nach Ausschlägen wieder auf einen gesunden Level ein? Es geht ja nicht darum, dass man nie Konflikte miteinander hat. Die Kunst ist, es wieder reparieren zu können.“

Forschungsbefunde stützen dies: Man scheint mithilfe der Achtsamkeitsmeditation tatsächlich genau dieses schnelle „Runterkommen“ lernen zu können. Ein Gebiet des Gehirns, das bei jeglicher Form von Erregung oder Empfindungen eine Rolle spielt, ist der sogenannte Mandelkern. Ziel ist nicht, dass dieser gar keine Ausschläge mehr zeigt, sondern dass diese schneller wieder kleiner werden können. Bleibt man also hängen in seinem Ärger, oder schafft man es, schnell wieder auf einen gesunden entspannten Level zurückzukommen? 

„Gefühle können sich erst verändern, sich auflösen oder etwas anderes werden, wenn wir sie in den Raum des Bewusstseins geholt haben.

Zu Fuß gehen wir zum Wiener Platz. In einem kleinen Hinterhof mit vielen Terrakottatöpfen und Blumen liegt der Eingang zu einem Yogaraum. Gedämpftes Licht. Ein deckenhohes Ölgemälde, das eine zarte aufgehende Blüte zeigt. Eine Buddhastatue. Dielenboden aus warmem, rotbraunem Holz. Wir setzen uns auf Meditationskissen. Sie nimmt eine aufrechte, würdevolle Meditationshaltung ein, wirkt präsent. In die Stille dringen nur einige ferne, leise Geräusche vom Marktplatz. Hier bietet sie ihre Seminare und Trainings an.

Einige Wochen zuvor habe auch ich hier eine Achtsamkeits-Einführungsveranstaltung bei ihr besucht: Für alle Teilnehmer ist von Beginn an spürbar, dass in diesem Rahmen, in diesen zwei Tagen, alles Raum haben darf, Gefühle zugelassen werden dürfen. Die besonnene, ruhige Haltung der Psychologin bewirkt, dass viele Teilnehmer von ihrer ganz persönlichen Geschichte erzählen: Suche nach Seelenruhe, Belastungen durch schwere Erkrankungen. Es fließen gleich zu Beginn Tränen. Wenig später wird wieder gelacht. Immer wieder gemeinsames Sitzen in Stille, dann wieder langsame, bewusste Bewegungsübungen. Es ist ein Sowohl-als-auch.

Britta Hölzel verbindet westliche mit östlicher Psychologie: Ein Gefühl erzeugt, grade wenn es unterdrückt wird, einen Gedanken, der das Gefühl wieder „anfüttert“. Körperempfindungen entstehen. Geschichten werden konstruiert. Wir verfangen uns in Spiralen. Dies formt auf Dauer unseren Charakter, mit diesen Augen blicken wir auf unsere Welt, so gestalten wir unsere Welt.

Britta Hölzel strahlt Ruhe aus. Da ist immer wieder ein feines, warmes Lächeln. Sie formuliert sicher und mit Bedacht: „Weil wir bestimmte Vorstellungen haben, was erlaubt ist und was nicht, spüren wir oft gar nicht, was eigentlich da ist, an Ängstlichkeit, Ärger, Traurigkeit, Wut. Viele Gefühle brodeln im Untergrund. Achtsamkeit heißt radikale Akzeptanz. Es darf alles so sein, wie es grade ist. Gefühle können sich erst verändern, sich auflösen oder etwas anderes werden, wenn wir sie in den Raum des Bewusstseins geholt haben.“

Die historischen Wurzeln der Achtsamkeitsmeditation liegen im Buddhismus, in dem das sogenannte Erwachen eine zentrale Rolle spielt. Das Wort hat häufig einen esoterischen Beigeschmack, aber wenn Britta Hölzel darüber spricht, hört es sich wie die logische Erklärung eines rational klar erfassbaren Phänomens an: „Letzten Endes ist das Ziel der Achtsamkeitspraxis natürlich das Erwachen: Einblick darin zu nehmen, dass das Ich oder das Selbstverständnis eine Konstruktion des eigenen Geistes ist, dass ich mich nicht als getrenntes Ich erfahren muss, dass alles in Verbindung ist, dass ich Teil des Ganzen bin.“

Ist das auch ihr Ziel?

Sie lacht wieder auf ihre ansteckende Art. Sie schweigt kurz. Dann sagt sie, dass sie in dem Thema Erwachen nicht „so richtig drinsteckt“. Aber sie spüre schon ganz viel Verbundenheit, oft auch so etwas wie bedingungslose Liebe, ein Gefühl, das mit der Liebe von Eltern für ihr Kind vergleichbar sei. Bei dieser Art von Liebe sei es unwesentlich, wie viel man von außen bekomme.

Heißt das, dass ich mich durch Achtsamkeitsmeditation unabhängiger von äußeren Umständen, der Lebenssituation machen kann?

„Ja, wir haben in unserer Gesellschaft häufig das Gefühl, dass uns von außen viel Liebe entgegengebracht werden muss. Aber es kommt darauf an, was in einem selbst passiert: Es kann vorkommen, dass ich in der U-Bahn sitze und einen Menschen mir gegenüber lieben kann. Ohne dass da etwas vorangegangen wäre. Das ist schon enorm – obwohl ich es physiologisch noch nicht erklären kann.“