Achtsam in den Kampf?

Vor einigen Tagen verschickte die britische Achtsamkeitsinitiative per E-Mail einen Newsletter. Sie berichten, dass sie grade eine Anhörung im englischen Parlament für Ende Oktober diesen Jahres vorbereiten. Es soll um die Frage gehen, inwieweit Achtsamkeitstraining für die Menschen hilfreich ist, die in stressreichen und traumatisierenden Berufen arbeiten, wie zum Beispiel im Militär. Geladene Redner sind unter anderem ein US-Generalmajor und die US-amerikanische Neurowissenschaftlerin Amishi Jha von der Universität Miami.

Wer sich noch nicht mit dem Thema Achtsamkeit und Militär auseinandergesetzt hat, mag sich fragen: Was haben ein buddhistischer Mönch vor zweieinhalbtausend Jahren und ein heutiger Soldat gemeinsam? Vielleicht antwortet man: Eher wenig! Aber weit gefehlt. Beide praktizieren Achtsamkeitsmeditation – ja, das Achtsamkeitstraining etabliert sich im militärischen Bereich.

Was nützt aber einem Soldaten ein Achtsamkeitstraining? Angesichts der hohen körperlichen, emotionalen und kognitiven Herausforderungen ist die Fähigkeit zum Aufrechterhalten eines hohen Aufmerksamkeitslevels wichtig. Achtsamkeitstraining hilft Soldaten im Einsatz Aufmerksamkeitslücken und Gedankenwandern zu verhindern. Außerdem verursacht der Soldatenberuf hohen Stress und Achtsamkeitstraining kann bewiesenermaßen helfen, Stress zu reduzieren. So argumentieren jedenfalls Neurowissenschaftler wie Professorin Amishi Jha, die seit Jahren entsprechende Forschung betreibt. So investierte das US-amerikanische Militär hohe Summen in das sogenannte Mindfulness-based Mind Fitness Training. Achtsamkeitstraining wird inzwischen zur Vorbereitung von Soldaten auf militärische Einsätze, aber auch zur Vorbeugung und Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen verwendet. Die Entdeckung für das Militär beschränkt sich nicht auf die USA und Großbritannien, auch in der Bundeswehr ist Achtsamkeit ein Thema.

Achtsamkeit ist ursprünglich Bestandteil des „Achtfachen Pfades“, eines zentralen Elements der buddhistischen Lehre. Zu diesem gehört auch und nicht zuletzt das rechte Handeln, welches das Töten vermeidet. Die Achtsamkeitsmeditation, von vielen als das Herzstück der buddhistischen Praxis angesehen, ist aus ihrem religiösen Zusammenhang herausgelöst worden und für viele hilfreiche Anwendungsmöglichkeiten in der westlichen Gesellschaft übersetzt worden. Amerikanische Neurowissenschaftler berichten, dass sie den Auftrag, die Meditation wissenschaftlich zu überprüfen und für den Westen nutzbar zu machen, vom Dalai Lama persönlich bekommen haben.

Für den „Vater“ der modernen Achtsamkeitsbewegung, Jon Kabat-Zinn bedeutet Achtsamkeit, auf eine besondere Art und Weise aufmerksam zu sein: absichtlich, im gegenwärtigen Moment und nicht wertend. Und genau darüber lohnte es sich nachzudenken und zu diskutieren: Was bedeutet es hier, nicht zu werten?

So wirft der Einsatz von Achtsamkeitstraining beim Militär sehr grundsätzliche Fragen auf. Ist Achtsamkeitsmeditation wirklich eine ethisch neutrale Technik? Was sagt es über die Prioritäten der westlichen Welt aus, dass Achtsamkeitstraining zur Verbesserung der Widerstandsfähigkeit gegen Stress für Soldaten eingesetzt wird, aber es wenig Überlegungen und Anstrengungen gibt, es für Opfer von militärischen Einsätzen zu verwenden? Ist sie eine Art geistige Wellness für Eliten? Oder ist Achtsamkeit eine Praxis, die darauf ausgerichtet ist, Stress und Leid in unseren eigenen Herzen und in der Welt zu der wir gehören zu verringern?

Ein Beitrag von Frank Aschoff

@FrankAschoff

 

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